Amazon und die Buchhändler: Meine Stellungnahme zur Debatte


Amazon und die Buchhändler: Meine Stellungnahme zur Debatte

Heute entdeckte ich einen Blog-Beitrag von Marah Woolf (zu finden unter: https://marahwoolf.com/du-musst-dir-schon-selbst-konfetti-in-dein-leben-pusten-hilfe-zur-selbstanalyse-der-deutschen-buchlandschaft/ ), der mich dazu bewegt hat, selbst ein Statement zu diesem Thema abzugeben.
Gesehen habe ich diesen Beitrag in einer Amazon-Story eines mir persönlich nicht bekannten Kollegen („persönlich nicht bekannt“ bedeutet ggf., dass ich ihm zwar folge, aber noch nie mit ihm kommuniziert habe). Dieser Kollege hatte diesen Beitrag in seiner Story kritisiert, was mich natürlich neugierig stimmte, also habe ich den entsprechenden Blog-Betrag gelesen. Marah Woolf war mir bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Begriff. 

Vorab gesagt: Eine meiner liebsten Freundinnen ist gelernte Buchhändlerin und hat mir viel über diesen Beruf sowie über die aktuelle Situation auf dem Buchmarkt berichtet. Es ist also nicht so, als würde ich Buchläden oder Buchhändler verteufeln. Es ist auch nicht so, dass ich ohne jegliches Hintergrundwissen an dieses Themengebiet herangehe.


Ist Amazon für das Aussterben des Buchhandels verantwortlich?

Marah Woolf zitiert in ihrem Blog-Beitrag einen Leserbrief. Bereits als ich ihn las, gingen mir sehr viele Gedanken durch den Kopf. Es wurde geschrieben, der Beruf Buchhändler sei vom Aussterben bedroht, der Onlinehandel, insbesondere Amazon, wird als Ursache dafür, dass immer weniger junge Leute in Buchhandlungen kämen, genannt.

Bereits an dieser Stelle möchte ich meine persönliche Stellung dazu beziehen: Der Buchmarkt ist vermutlich seit vielen Jahrzehnten ein schwieriges Terrain, aber in den letzten Jahren wurden die Problematiken in dieser Branche auf für die Leser deutlich spürbar. So wurden Bouvier-Filialen geschlossen und es ist wohl wirklich schwer, als Buchhändler einen Arbeitsplatz zu finden. 

Diese Entwicklungen sind bedauernswert, aber Amazon allein dafür verantwortlich zu machen, finde ich nicht fair. Amazon ist ein Unternehmen und ja, in unserer kapitalistischen Zeit wollen Unternehmen eben Profit schlagen. Wenn wir im Berufsleben gute Arbeit leisten, dann wollen wir doch auch befördert werden. Unsere Beförderung bedeutet oftmals aber auch, dass ein anderer Kollege auf der Strecke bleibt. Enttäuschend für den Kollegen, aber was würde der Chef zu einem solchen Vorwurf sagen? Er würde sagen: „Der Bessere gewinnt.“ 

Überträgt man dieses Beispiel auf den Buchhandel versus Amazon-Konflikt, ist der Vorgesetzte der Leser, der bestimmt, wo er lieber seine Bücher kaufen will und es ist sein gutes Recht. Er kann sich, wenn er will, dem „moralischen Druck“ aussetzen lassen, den Buchhandel zu unterstützen, aber er muss es nicht tun. 

Unter dem „bösen“ Onlinehandel verstehe ich aber nicht nur Amazon, sondern größere Anbieter, wie Thalia selbst, die eBooks anbieten. Laut Selfpublisherbibel werden 98% der eBooks nämlich online gekauft, nicht in den Buchhandlungen. Für eBook-Leser wird der Buchhandel somit absolut irrelevant. Mit dem eBook-Vertrieb, den bspw. Thalia betreibt, nimmt er sich selbst die Leser, die sonst in eine Buchhandlung kommen würden, weg – könnte man meinen. Ein enttäuschter Thalia-Mitarbeiter könnte sich also auch bei seinen Vorgesetzten beschweren, wieso das denn so gemacht wird. Ich will mir die Reaktion eines solchen Vorgesetzten nicht erdenken.

Wieso bietet Thalia aber denn eigentlich eBooks an? Weil das Geld bringt, weil Thalia ebenso wie Amazon Geld verdienen will, weil großer Bedarf an eBooks besteht und weil die Leser sonst einfach bei anderen Anbietern kaufen würden. Der springende Punkt ist also nicht das böse Amazon oder sonstige Plattformen, sondern die Leser, die einen Anbieter bevorzugen, weil dieser Anbieter ihnen mehr Comfort bietet. Die Präferenzen haben sich durch das eBook-Angebot geändert, auch das muss man berücksichtigen.

Die Behauptung, dass junge Leute heutzutage kaum noch lesen würden, kann ich nicht unbedingt teilen. Meine auf persönlichen Beobachtungen basierenden Eindrücke sagen aus: Viele junge Leute sitzen im Zug mit einem Tablet und lesen Bücher oder blättern in einem Taschenbuch, Buchbloggerinnen haben riesige Follower-Zahlen und im Freundeskreis wird ständig von den verschiedensten Büchern geschwärmt. 
Nur, weil wenige junge Leute Buchhandlungen betreten, heißt es noch lange nicht, dass sie nicht lesen. Das heißt nur, dass sie nicht in Buchhandlungen einkaufen. Zudem muss ich ganz ehrlich sagen, dass bei der heutigen schulischen (insbesondere seit der Verkürzung der Gymnasialzeit) und universitären Belastung (variierend von Studiengang zu Studiengang und der Frage, ob man der der Uni noch einen Nebenjob machen muss, um als Student zu überleben) das Lesevergnügen ein Privileg ist, das sich auch nicht jeder leidenschaftliche Leser in vollen Zügen leisten kann. 

Was ich sage, basiert auf keinen empirischen Daten, sondern soll lediglich davor warnen, einen komplexen, multikausalen Sachverhalt auf einen einzigen Erklärungsansatz zu reduzieren, der einem Buchhändler auch noch perfekt in die Hände spielt. Dieser Erklärungsansatz soll nämlich langfristig zur Schwächung des Konkurrenten (Amazon) führen. Ich denke, dass Amazon auch ein wichtiger Faktor der genannten Entwicklung ist! Aber ich denke nicht, dass es sich hierbei um den einzigen Faktor handelt.


Die Leser entscheiden, wo sie ihre Bücher kaufen – nicht die Autoren und auch nicht Amazon

Ich zitiere weiter aus dem Leserbrief in Marah Woolfs Blog (und hoffe, dass sich die Blog-Autorin nicht daran stört, ansonsten kontaktieren und ich nehme die Zitate sofort raus): 

Daher kann ich es überhaupt nicht gutheißen, dass Sie als Autorin auch noch Werbung für Amazon machen! Ich habe soeben den Post für den letzten Teil von „Federleicht“ gesehen, auf dem Sie direkt auf Amazon als Bestellmöglichkeit hinweisen.“

„Ähm, wirklich jetzt?!“, möchte mein nicht-akademisches Ich aufschreien… und das akademische Ich sucht nach den passenden Worten, doch kann bis jetzt keine finden. Was soll eine derartige Aussage denn genau vermitteln? Vorab gesagt – ich lese derartige Aussagen ständig. Instagram ist voll davon. Manche kann ich mit einem Schulterzucken wegschmunzeln, andere bringen einen Teil von mir ein bisschen in Rage.

Weiter oben habe ich geschrieben, dass der Leser kaufen kann, wo er will, dass er unterstützen kann, wen er möchte. Über diese Entscheidungsfreiheit verfügen auch Autoren. Sie können veröffentlichen, wo und wie sie wollen und sie können für jeden Anbieter werben, der ihnen gefällt. Es gibt keine moralische Verpflichtung, Buchhandlungen zu unterstützen.

Dabei sollte doch jedem Buchhändler und Autoren klar sein, dass die meisten Leser bereits entschieden haben, wo sie am liebsten einkaufen möchten. Sie haben alle ihre präferierten Anbieter bereits vor Augen. Eine fehlende Verlinkung zu Amazon wird niemanden daran hindern, nachzusehen, wo das Buch erhältlich ist und dann unter Umständen bei Amazon zu kaufen, wenn wahres Interesse besteht.


Nein, nicht Amazon allein ist an allem schuldig

Die Katastrophe ist für die Buchhandlungen bereits eingetreten. Das Aussterben des Berufes „Buchhändler“ ist ein Symptom dieser Katastrophe, aber Amazon ist kein Krebsgeschwür, der nach und nach alle überlebenswichtigen Organe des Organismus „Buchhandel“ ausfallen lässt. Das macht nicht Amazon, sondern der Fortschritt und wer sich nicht anpasst, wird auf der Strecke bleiben. Deshalb kommt für mich das große Geschrei viel zu spät, wenn der Buchhandel krampfhaft um das blanke Überleben kämpfen muss.

Der Fortschritt, von dem ich spreche, ist sicherlich von Amazon mitverursacht worden, aber fragt man die Leser, wieso sie Amazon vorziehen, werden sie viele vernünftige Gründe dafür anführen. Gegen diese Gründe kann man nur ein Argument vorbringen: „Ja, aber wir Buchhändler sterben aus.“ Das mag traurig sein, aber gibt es den Buchhändlern das Recht, Lesern ihre Einkaufsorte aufzuzwingen, indem ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht wird? Das ist eine Tatsächlichkeit, die ich nicht gutheißen kann, denn es ist manipulativ, Menschen mit schlechtem Gewissen zu Handlungen zu nötigen, aber gut – jeder wie er will. Wer sich beeinflussen lassen will, möge es tun, wer bewusst den Buchhandel unterstützen will und bereit ist, Aufwand sowie größere Ausgaben auf sich zu nehmen, hat meine Anerkennung. Es besteht aber ein riesiger Unterschied zwischen einer bewussten Entscheidung und einer Handlung, die auf Manipulation beruht.


Relevanz des Themas für Autoren:

Für mich ist das ein Thema, das im Grunde gar nicht auf Autoren abgewälzt werden sollte. Für Verlagsautoren ist dieses Thema nicht einmal relevant – jemand kauft irgendwie, irgendwo ihre Bücher, sie kriegen ihre Tantiemen, haben keinen Einfluss auf die Werbung und auf den Vertrieb. Alles macht der Verlag, fertig. Sollten alle Buchhandlungen eines Tages schließen, werden die Verlage sich schon anderweitig um den Vertrieb kümmern.

 Als Selfpublisher ist man aber meistens auf Amazon angewiesen oder man entscheidet sich dazu, Amazon als den einzigen großen Kooperationspartner auszuwählen. Wieso sollte man das tun? Na, weil viele denken, dass Amazon die besten Konditionen bietet. Das ist das, was ich denke und das ist der Anbieter, für den ich mich bewusst entschieden habe.



Selfpublisher im Buchhandel

Dennoch will ich meine Bücher in einer Buchhandlung sehen. Nicht, um den Buchhandel zu unterstützen, sondern weil es mein Ego streicheln würde, es geschafft zu haben, weil meine Familie mir immer noch nicht ganz glauben will, dass ich eine veröffentlichte Autorin will, wenn meine Bücher nicht im Buchhandel erhältlich sind und natürlich der Reichweite wegen. Je mehr Anbieter, desto mehr Leser. Das ist eine unkomplizierte Rechnung. 
Ich muss aber auch gestehen, dass dieser Wunsch Monat für Monat schwindet, weil ich einfach nicht gegen das System ankomme. Die Buchhändler geben an, nicht mehr bestimmen zu dürfen, welche Bücher ins Regal kommen, man wird an Libri verwiesen und auch dort muss man offenbar irgendjemanden überzeugen, doch wen? Es gibt keine Adresse, keinen Verantwortlichen, den man anschreiben könnte, um es überhaupt nur zu versuchen. 
 Ich will nicht hingehen und um einen Gefallen flehen – ich will kooperieren, ich will, dass wir beide, Buchhandlungen und ich, profitieren. 

An dieser Stelle muss ich unterstellen, dass der Buchhandel zu langsam reagiert: Viele Selfpublisher können inzwischen mit Verlagsautoren mithalten. Wir finanzieren unsere Veröffentlichungen selbst, wir stecken nicht weniger Arbeit rein als andere. Verlage haben das bereits begriffen und versuchen, Selfpublisher mit Vertragsangeboten anzulocken. Wieso versuchen es die Buchhandlungen nicht auch? Was bei dieser Situation nämlich gern unberücksichtigt bleibt, ist folgende Tatsache: Viele Selfpublisher wollen die absolute Kontrolle über ihre Bücher behalten, weshalb sie Verlagsverträge ablehnen, aber ich kenne keinen einzigen Selfpublisher, der etwas dagegen hätte, einen Platz im Regal einer Buchhandlung  zu bekommen.

Würde man Selfpublisher als festen Teil der Literaturwelt akzeptieren und die persönliche Kränkung durch Amazons Übermacht ablegen, so könnte damit allen Beteiligten geholfen sein. Würden sich Buchhandlungen die Arbeit machen, bei Amazon einzukaufen oder gar mit Amazon zu kooperieren, wären sie vielleicht nicht gerettet, aber sie hätten zumindest eine bessere Überlebenschance. 
Diese Überlebenschance gönne ich den Buchhändlern wirklich, auch wenn es sich oft nicht so anhören mag. Liebe Buchhändler, ich bin nicht euer Feind, aber euer Freund bin ich auch nicht. Selbst, wenn Buchhandlungen meine Bücher ins Sortiment nehmen würden, würde sich an dieser Tatsache nichts ändern, denn die Wahl meiner Anbieter ist nichts Persönliches. Es ist eine Frage der Kosten und des Nutzens.

Ich weiß, dass viele meiner Leser Buchhandlungen lieben und Verfall lieber in einer Buchhandlung kaufen würden, als bei Amazon oder direkt bei mir, aber sie akzeptieren mich als Amazon-Autorin, die die Entscheidung getroffen hat, keinen einzigen Verlag anzuschreiben und somit bewusst, vorerst auf einen Platz in einer Buchhandlung zu verzichten. Nicht, weil ich ein Problem mit Buchhandlungen habe, sondern mit Verlagen und unter diesem Problem, das viele Autoren haben, leiden letztlich die Buchhandlungen. Und trotzdem ist dieses Leiden keine Rechtfertigung, um gegen Amazon zu hetzen, als sei es das Böse höchstpersönlich.  


Wer macht Leser zu Fans?

Eine Sache aus dem Leserbrief tangiert mich jedoch wirklich: 

Ich weiß, dass Sie sicherlich über Amazon großen Absatz mit Ihren Büchern machen, aber wir Buchhändler machen Leser zu Fans. Wir sind es, die unbekannte Autoren durch Empfehlungen an Kunden bekannt machen.“

Nein, liebe Buchhändler, diejenigen seid ihr nicht. Eure Buchempfehlungen rühren nicht aus der Sympathie zum Autor, um den Leser zum Fan zu machen, sondern aus dem Versuch, möglichst viele Bücher zu verkaufen und – ich entschuldige mich für die harten Worte – aber potenzielle Leser zu beraten, ist euer Beruf; entsprechende Autoren zu empfehlen, ist euer Beruf und fangt ihr an, Autoren aus persönlicher Kränkung zu boykottieren, indem ihr keine Empfehlungen für sie aussprecht, dann hört ihr damit auf, euren Beruf anständig auszuführen. 

Wir Autoren mit unserer harten Arbeit machen unsere Leser zu Fans. Wir Selfpublisher müssen für jeden einzelnen Leser kämpfen, indem wir Werbung machen und uns aus den sozialen Medien nicht einmal mehr ausloggen. Wir machen unsere Leser zu Fans, indem wir mit ihnen kommunizieren, ihre Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen. Und wir schaffen es, auch wenn nicht mit den größten Verkaufszahlen. Wir schaffen es ohne Verlage und ohne euch, liebe Buchhändler. Die Leser brauchen euch vielleicht, wir Autoren brauchen euch aber nicht.

Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel, der mir wirklich aus der Seele spricht.
    Ich hatte diesen Brief bei Marah gelesen und fand den Ton und die Art und Weise doch recht frech, auch wenn ich die Sorgen der Buchhändler gut verstehen kann.
    Allerdings hat das Aussterben der Buchhandlungen und damit auch der Buchhändler , wie Du schon angibst mehrere Ursachen und sie sind auch nicht "plötzlich" durch Amazon entstanden, sondern schon lange vorher abzusehen gewesen.
    Der Buchmarkt und das Kaufverhalten der Leser hat sich verändert und das wurde lange von den Verlagen und Buchhändlern ignoriert.
    Und jetzt wird mit dem Finger auf Amazon und Autoren gezeigt (Am liebsten auf die Selfpublisher, die später irgendwann doch bei Verlagen veröffentlichen können. Vorher wollte niemand die Manuskripte oder selbstveröffentlichte Bücher verlegen bzw. verkaufen) und gezetert.
    Hach ja, ein aufregendes Thema. ;-)

    Liebe Grüße
    Jenny

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