Leseprobe: Band 2 - Kapitel 1



Es ist nicht mehr lang bis zur Veröffentlichung, also habe ich spontan beschlossen, einen Ausschnitt aus Band 2 mit euch zu teilen :)
Die ersten Absätze fehlen, weil sie das Ende des ersten Bandes spoilern würden. Daher ist der Kontext dieser Szene auch etwas schleierhaft, aber gut genug für einen kleinen Vorgeschmack.

 
Leseprobe: Band 2 - Kapitel 1 

Ihr Auto gab ein penetrantes Piepsen von sich, als sie gerade den Rückweg eingeschlagen hatte.
„Was?!“, rief sie dem Lenkrad entgegen und fügte dann sanfter hinzu: „Was willst du wieder von mir, du Schrotthaufen?“ Das Piepsen ertönte wieder. „Na, was denn? Bitte lass mich nicht im Stich, es schüttet wie aus Eimern, bitte tu mir das nicht an, Kleiner!“ Erneut ein Piepsen. „Wieso? Wieso, du verräterischer, fieser Franzose?“
Hanna atmete durch, um ihren ambivalenten Emotionsausbruch zu besänftigen, und versuchte zu erkennen, was auf dem kleinen Monitor in Rot aufblinkte.
Mit Mühe erkannte sie das Wort „Öl“.
Unzählige Male war sie an einen Ölwechsel erinnert worden und hatte ihn vergessen. Zwei Jahre schon befand sich der Peugeot in ihrem Besitz und kein einziges Mal hatte sie sich darum gekümmert.
Sollte das Motoröl bis nach Bonn nicht reichen, würde sie mitten auf der Landstraße liegen bleiben. Sie musste dringend eine Tankstelle finden. Dann würde sie den Pannendienst anrufen müssen, um herauszufinden, wie das Motoröl nachzufüllen sei oder im Handbuch nach einer Lösung suchen. All das bei Regen und Dunkelheit. Als wäre dieser Tag bisher nicht bereits schlimm genug gewesen.
Zu ihrer Erleichterung erkannte sie bald ein rostiges Verkehrszeichen, das auf eine Tankstelle hinwies. Sie folgte ihm und fand sich bald vor einer winzigen, verwahrlosten Tankstelle wieder. Hanna tankte sicherheitshalber, denn die Benzinanzeige befand sich bei kurz vor „rot“, all das fluchend und durch den Regen stampfend. Ihre Chucks schützten sie kaum vor dem Wasser, sodass ihre Füße schnell bis zu den Knöcheln nass wurden. Auch ihre Sommerjacke war keine große Hilfe, um sie vor dem Regen, der durch die Überdachung der Tanksäule strömte, zu schützen.
Vor dem Gebäude sah Hanna eine Person. Sie stand in der Nähe des Eingangsbereichs unter einer winzigen Überdachung. Sie trug eine Jeans und einen Pullover, deren Kapuze über ihren Kopf gezogen war. Sie schien völlig durchnässt zu sein und folgte Hanna mit ihrem Blick zur Tankstelle, nachdem sie zuvor ihr Auto gemustert hatte.
Hanna betrat die Tankstelle und begann die Suche nach dem richtigen Motoröl. Ein Verkäufer zur Beratung war nicht zu sehen, also dauerte es lange, bis sie das passende Öl gefunden hatte. Die erste Hürde war geschafft, also schritt sie als stolzer Analphabet innerhalb der Domäne motorisierter Fahrzeuge zur Kasse. Dabei bemerkte sie, dass die Person, die zuvor draußen gestanden hatte, ihr in die Tankstelle gefolgt war. Hanna wurde argwöhnisch, sah jedoch vorerst keinen Anlass, etwas zu unternehmen. Sie fror schließlich bereits selbst, ohne lange im Regen gestanden zu haben und im Inneren der Tankstelle war es warm.
An der Kasse befand sich niemand. Nur ein Radio summte leise durch knirschende Boxen. Der Boden der Tankstelle klebte und war völlig verdreckt. Der Geruch des abgestandenen Bieres, den die aufgetürmten Pfandflaschen in der Ecke der Tankstelle ausströmten, erinnerte sie an Jörg. Auch er roch wie ein Bierflakon mit einer Extranote bitteren Tabaks.
„Hallo?“, rief Hanna nach einigen Minuten. „Ist hier jemand?“
„Moment“, antwortete ihr eine müde, gereizte Stimme. Es dauerte noch eine Weile, bis ein fülliger Mann mit langsamen Schritten aus der Kammer hinter der Kasse trat. Sein schwarzes, fettiges Haar war durchsiebt von grauen Strähnen. Auf den Schultern seines rot melierten T-Shirts lag eine Schicht von Haarschuppen gestreut und seine Nase war übersät mit tiefschwarzen Mitessern. Er bewegte sich wie eine Schildkröte mit Rollator und blickte Hanna mit seinen schwarzen Augen ausdruckslos an.
Hanna deutete auf das Öl, das sie auf die Theke gestellt hatte. „Tanksäule 1“, sagte sie und konnte vor Ekel kaum ihre Augen von den pechschwarzen Punkten auf seiner Nase abwenden. Er sah durch die Glasfront und betrachtete wie paralysiert ihr Auto. „Und zwei Lucky Strike, die normalen“, fügte sie hinzu.
Der Mann drehte sich langsam um und stierte auf die hinter ihm aufgestellten Zigaretten.
„Mit Zusätzen?“, fragte er.
„Nein, die Normalen.“
Endlich ergriff er die Richtigen und reichte ihr eine Packung.
„Ich sagte, zwei.“ Hanna wurde ungeduldig.
„Ausweis“, äußerte der Mann.
Danach war Hanna lange nicht mehr gefragt worden. Sie öffnete ihr Portemonnaie und klappte es vor ihm auf. Der Ausweis befand sich in einem Fach hinter einer durchsichtigen Folie. „Bitteschön“, sagte sie mit ihrem letzten Funken Höflichkeit.
„Rausholen, ich seh‘ nix“, ordnete der Mann an.
„Hier“, deutete Hanna auf das Geburtsdatum mit dem Zeigefinger, das klar und deutlich zu erkennen war.
„Ich seh‘ nix.“
 „Gut!“, fauchte Hanna und zog mühevoll den Ausweis aus dem engen Fach.
„Wie lange noch?“, spornte er sie an.
„Müssen Sie gerade sagen“, entfleuchte ihr. Sie reichte ihm den Ausweis, den er zwischen seine dicken Finger nahm. Hanna wollte ihm den Ausweis aus der Hand reißen und ihn desinfizieren, aber sie hielt tapfer durch.
Plötzlich drehte er sich um und ging mit dem Ausweis zurück in die Kammer.
„Was tun Sie da?“, rief Hanna ihm hinterher.
Schnell für seine Verhältnisse kam er mit einer Brille auf der Nase zurück und reichte ihr den Ausweis. Hanna hielt ihm ihre Bankkarte entgegen, während er die Einkäufe in die Kasse eingab.
„64, 98 Euro“, sagte er schließlich. Als er die Karte erblickte, stöhnte er auf: „Muss das sein?“
„Geht das etwa nicht?“
„Doch, doch.“ Er ging erneut in seine Kammer. Hannas
Geduld rückte an ihre Grenzen. Er kam mit einem alten, vergilbten Kartenlesegerät zurück.
 „Danke“, blieb Hanna höflich, während sie ihren Ausweis wieder einpackte. Sie steckte die Karte in den Schlitz des Kartenlesegeräts und gab ihre PIN ein, doch das Gerät zeigte „Vorgang abgebrochen“ an. Sie versuchte es noch weitere drei Male, doch jedes Mal erschien die gleiche Fehlermeldung.
„Ja, ja, da kommen die Großstadttussen mit ihren Großstadtautos und ihren Kreditkarten. Wollen ein Kartengerät. Wahrscheinlich so viel geshoppt, dass die Karte ausgeleiert ist“, sagte der Mann in einem aufgebrachten Ton. Seine trüben Augen funkelten boshaft auf.
Für einen kurzem Augenblick fiel Hanna die Kinnlade herunter. „Bitte was?“, zischte sie und brauchte einige Momente, um zu realisieren, dass dieser widerliche Troll es wagte, so mit ihr zu sprechen.
„Ausgeleierte Karte, aber nicht so ausgeleiert wie der Rest.“
Nun hatte sie genug und fuhr geladen fort: „Ich komme als Kundin her, die hier nicht wenig Geld lässt und glauben Sie mir – hätte ich nicht bereits getankt, wäre ich weitergefahren, spätestens nachdem ich Sie gesehen habe. Die Karte ist neu. Sie funktioniert. Sie haben dafür zu sorgen, dass Ihre Geräte es auch tun. Machen Sie Ihren verdammten Job und sparen Sie sich ihren Frust für Ihre Selbsthilfegruppe.“ Solche Reden waren ihr bereits besser gelungen, aber sie war nicht in bester Verfassung, also nahm sie es mit sich nicht all zu streng. Der Mann sah sie verdutzt an. Mit einem Gegenangriff hatte er wohl nicht gerechnet.
Hanna durchwühlte ihr Portemonnaie. Nur ein 50 Euro-Schein befand sich darin. Sie hatte einen weiteren Fünfziger im Auto für Notfälle zurückgelegt, der gerade offensichtlich eingetreten war. Der Mann tippte an dem Gerät herum und versuchte, es in Gang zu bringen.
„Warten Sie“, sagte Hanna, „ich habe im Auto noch Bargeld. Ich hole es schnell.“
„Von wegen. Sie wollen fahren, ohne zu zahlen“, entgegnete der Mann.
„Gut.“ Sie legte den Geldschein aus ihrem Portemonnaie auf die Theke. „Das ist die Anzahlung. Ich hole den Rest.“
„Nein. Ich rufe sonst die Polizei!“
„Weil ich bezahlen will?“ Hanna begriff gar nichts mehr.
„Weil Sie sonst den Rest nicht zahlen und dann wegfahren. Ich will einen Pfand. Lassen Sie dafür den Schlüssel hier.“
„Und wie soll ich das Auto dann aufbekommen?“
„Mit dem Drücker! Von hie-ier!“, schrie der Mann inzwischen.
Hanna hielt ihren Autoschlüssel hoch. „Kein Drücker da-ha!“ Tatsächlich besaß ihr Autoschlüssel eine solche Funktion seit einigen Monaten nicht mehr.
„Dann Ausweis!“
„Nein!“ Nun wurde Hanna ebenso laut. „Meinen Ausweis bekommen Sie nie wieder in Ihre widerlichen Griffel! Solange ich das Geld hole, machen Sie sich noch eine Kopie für eine Wichsvorlage, wenn das nicht sogar schon passiert ist.“
Der Mann lief rot an. „Na, dann komm ich einfach mit!“
„Okay.“ Hanna fand es toll, diesen Widerling in den Regen zu locken. Er sollte nass werden und dabei quieken wie ein Schwein. Dieser Anblick würde ihr vielleicht ein bisschen die Nacht versüßen.
Hanna verließ das Auto und schloss es ab. In der linken Hand hielt sie den Geldschein, die rechte wanderte reflexartig an einen der Wurfmessergriffe an ihrem Gürtel.
Der Mann war inzwischen hinausgerannt. Er kämpfte sich durch den Regen. „Wo ist mein Geld?“, rief er.
Hanna kam ihm entgegen. Sie zerknüllte demonstrativ den Fünfziger und drückte ihn in seine Hand.
„Ersticken Sie daran. Behalten Sie das Rückgeld“, äußerte sie.
„Hoffe, du fährst dich tot, Schlampe!“, schleuderte er ihr entgegen.
Hanna schüttelte schmunzelnd den Kopf. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und schaffte es, sich dazu zu überwinden, ihm auf den Oberarm zu klopfen. „Schlampe – die Definition lautet: die Frau, die man in seinen kühnsten Träumen nicht haben kann“, sagte sie. Dann wandte sie sich ab und öffnete das Auto, um loszufahren. Das Öl würde sie an einem anderen Ort nachfüllen, ein paar Kilometer würde sie bestimmt noch mit dem restlichen Öl zurücklegen können. Zudem wollte sie nicht riskieren, ihr mögliches Scheitern beim Ölwechsel von ihm mitansehen zu lassen.
 „Und Sie“, wandte sich der Mann an die Frau, die sich wieder unter die winzige Überdachung geschlichen hatte, „wenn ich Sie noch ein Mal hier sehe, rufe ich die Polizei, ist das klar?“ Mit schnellen Schritten ging er zurück ins Warme.

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