Schreibtipps: Tutorial #2 - Konstruktion von Spannung



Spannung - das Thema, das vermutlich jedes Tutorial bereits durchgekaut hat, aber ich habe es dennoch auf meine Weise vefasst. 

Wenn man mich fragt, was Spannung ist, würde ich sagen: "Eine Geschichte ist spannend, wenn man nicht mehr aufhören will, sie zu lesen." Da jeder eine andere Vorstellung von einer Geschichte hat, die er nicht mehr aufhören will zu lesen, ist es schwer zu sagen, was genau eine spannende Geschichte beinhalten muss, doch es gibt zwei Faktoren, die in meinen Augen noch nie in einer erfolgreichen Geschichte - unabhängig vom Genre - gefehlt haben: zentrale Konflikte und die Spannungskurve.


Zentrale Konflikte:

Jeder Ratgeber wird diesen Punkt enthalten und das zurecht, denn jede Geschichte lebt von zentralen Konflikten. Das gilt selbst für den Alltag: Stelle dir vor, eine Freundin will dir etwas erzählen. Sie berichtet davon, dass sie morgens geduscht hat, ein Kleid angezogen, dann hat sie ein Toastbrot gegessen, sie ist zur Arbeit, dann ist sie nach Hause gegangen und, und, und. Langweilig.

Beginnt jemand eine Geschichte, sei es nur ein Tagesablauf, so erwarten wir, dass uns diese Geschichte nicht langweilt, dass darin etwas passiert, denn werden nur Trivialitäten aufgezählt, so kann sie sich der Erzähler auch direkt sparen. 

Das merke ich oft bei Gesprächen mit Verwandten. Sie erzählen und erzählen und am Ende hat man das Gefühl, man hätte wertvolle Lebenszeit verschwendet. Diese Erfahrung habe ich sehr früh gemacht. Deshalb folge ich schon sehr lange dem Grundsatz: 

„Wer nichts zu sagen hat, sollte besser schweigen.“

Als Autor gilt dieser Grundsatz noch deutlicher, denn ein enttäuschter Leser wird uns dafür bestrafen. Im besten Fall hinterlässt er keine negative Bewertung.

Mir fällt  keine einzige Geschichte, kein einziger Film und keine einzige Serie ein, die ohne zentrale Konflikte ausgekommen ist. Wer so eine kennt, möge mich gern kontaktieren, denn ich würde eine solche Geschichte gerne mal auf mich wirken lassen.

Bitte mein Beispiel aus dem Alltag nicht falsch verstehen: Natürlich will ich nicht, dass der Erzähler negativen Ereignissen ausgesetzt wird – die Geschichte der Freundin, die von ihrem Tag berichtet, kann gerne witzig oder romantisch sein, aber auf keinen Fall darf dort etwas Spannung fehlen.

Zentrale Konflikte sind der rote Faden, das handlungstreibende Instrument. Sie helfen dem Autor dabei, selbst seinen roten Faden nicht zu verlieren, immer etwas Griffbereites zu haben, um keine Schreibblockade zu erleiden

Dabei reicht ein zentraler Konflikt meiner Meinung nach nicht aus. Es sollten aber auch nicht zu viele sein, um den Leser nicht unnötig zu verwirren. 

Das gilt übrigens auch für die Anzahl der Figuren. Du hast sie als Autor erschaffen und hast den ultimativen Durchblick, doch wenn man auf den ersten 20 Seiten zehn Figuren einführt, wird der Leser wahrscheinlich nicht der Handlung folgen können. Er wird damit beschäftigt sein, sich zu fragen, wer wer ist und die Handlung wird ihm entgleiten. Tauchen die Figuren am Ende auch noch nicht mehr auf, weil sie gar nicht wichtig sind, dann wird der Leser dazu enttäuscht sein, sich unnötige Arbeit gemacht zu haben.

Wir empfinden unsere Zeit als wichtig. Das ist die Zeit des Lesers auch, also dürfen wir sie als Autoren nicht verschwenden.
Zwischendurch habe ich gelesen, man bräuchte DEN Hauptkonflikt und könne noch einige Nebenkonflikte einbauen. Das kann man machen, muss man aber nicht, denn aus dem kleinsten Konflikt kann man eine riesige Katastrophe konstruieren und den scheinbaren Haupkonflikt im Laufe der Geschichte lösen, wie beispielsweise durch den Tod einer Figur oder durch eine Versöhnung. 

George R. R. Martin wiederum hält an dem Grundsatz des ultimativen zentralen Konfliktes fest, obwohl er uns in beinahe jeder Folge von Game of Thrones in einen Schockzustand zu versetzen weiß. Wie viele Konflikte er eingebaut hat, wage ich gar nicht zu schätzen, wobei es nur den einen gibt: die Konkurrenz um den eisernen Thron. Die Anwärter können kommen und gehen, doch der Konflikt bleibt. Er braucht diesen einen zentralen Konflikt aber auch, weil er etwas braucht, was sich durch jedes einzelne - ziemlich umfangreiche Band - zieht. 

Ich wage nicht zu bewerten, ob eine so lange Geschichte unbedingt von einem massiven zentralen Konflikt getragen werden muss, aber es klappt bei dem genannten Beispiel beispiellos gut.





Der Spannungsbogen


Für einen guten Spannungsbogen lohnt sich es sich, einen Plot im Vorfeld grob zu skizzieren, denn sonst läuft man Gefahr, die Handlung zu schnell zuzuspitzen und zwischenzeitlich Langeweile eintreten zu lassen.

Der mir im Detail bekannte Spannungsbogen stammt  von Aristoteles. Ich habe ihn in der Schule gelernt. Erschreckend alt und trotzdem bis heute hochaktuell für die Gestaltung von Literatur und Filmen oder Serien.

Ich erinnere mich an Antigone von Sophokles, der diesen Spannungsbogen verwendet hat. Wer sich in der Oberstufe befindet, spitze die Ohren, denn das, was ich jetzt schreibe, werdet ihr defintiv brauchen!


Der Spannungsbogen beinhaltet fünf Abschnitte:

11.      Exposition

Hier werden die Figuren und zentrale Konflikte eingeführt.
Beispielhaft ist hier die Einführung von Antigone, König Kreon und die Beschreibung, wieso Antigone Ärger mit Kreon hat. Der gute Mann will ihr nämlich nicht die Leiche ihres Bruders, der durch eine Kriegshandlung zum Feind der Stadt erklärt worden ist, übergeben. Damit verwehrt Kreon Antigones Bruder den Einzug in das Totenreich. Hier setzt die Handlung ein.
Bei Verfall wäre das die Szene, in der Hanna aufwacht (Dastellung ihrer aktuellen Situation), das Gespräch zwischen Hanna & Sonja, das Gespräch zwischen Hanna & Andreas sowie der Anruf, der die gesamte Handlung ins Rollen bringt sowie den ersten größeren zentralen Konflikt offenbart. In den Rückblenden wäre es das Gespräch zwischen Hanna & David, in denen ihr Verhältnis eingeführt wird, Leonie, die im Hausflur herumgeistert (Einführung ihrer Situation + Zentraler Konfikt Nummer zwei).

Bis dahin ist so gut wie nichts passiert und keine richtige Spannung wurde erzeugt. Der Leser soll lediglich in die Situation eingeführt werden, verstehen, worum es geht,. Das würde man bei einer Kurzgeschichte oder einer Parabel so nicht machen. Dort wird der Leser mitten in die Handlung geworfen.


2.      Die Steigerung: 

Kurz gefasst – die Handlung kommt ins Rollen, die Figuren beginnen zu agieren und die Spannung steigt.
In diesem Falle ist es die Verhaftung Antigones, die natürlich wider Verbot versucht hat, ihren Bruder zu bestatten. Antigones Befragung etc. ist Inhalt des zweiten Aktes. Der Leser beginnt sich die Frage zu stellen, wie Antigones Schicksal wohl aussehen wird.
Bei Verfall könnte man das Gespräch zwischen Hanna und David in der Bar sowie Leonies Entdeckung der Beziehung zwischen Hanna und David unter „Steigerung“ subsumieren. Es bricht keine Katastrophe aus, aber die zentralen Konflikte spitzen sich zu.

3.      Höhepunk/Peripherie:
An dieser Stelle spitzt sich die Handlung zu.
Bei Antigone beginnt die Peripherie recht harmlos. Haimon, Kreons Sohn und zugleich Verlobter Antigones tritt vor und bittet seinen Vater darum, Antigone zu verschonen. Kreon weigert sich. Das Gespräch spitzt sich so weit zu gerät so weit aus dem Ruder, dass sie sich Vorwürfe unter der Gürtellinie bieten. So behauptet Kreon, Haimon sei ein Sklave von Antigones Reizen, was ja selbst heute noch ein hässlicher Vorwurf wäre, und Haimon unterstellt Kreon, wahnsinnig zu sein. Die Diskussion schaukelt sich so weit hoch, dass Kreon bestimmt, dass Antigone sterben muss.
Ab hier gibt es keine Verfall-Beispiele mehr, weil ich nicht spoilern will.

4.      Retardierendes Moment:
Retardieren bedeutet „verzögern“, „hemmen“. Es ist eine ein Moment, in dem kein Spannungsabfall geschieht, sondern noch unklar bleibt, inwieweit Ereignisse aus der Peripherie zum Tragen kommen. Es dient dazu, einen anderen Ausgang als vermutet, erwarten zu lassen.
Erst wird Antigone zur Gruft gebracht (wo sie eingeschlossen werden soll). Dabei schwingt sie ein paar Reden darüber, wie viel ihr Bruder ihr bedeutet hat und dass sie sich auf den Hades freut. Man hofft, dass Kreon von seiner Entscheidung zurücktritt, doch das tut er nicht. Er sperrt Antigone ein. Kurz darauf kommt der blinde Seher Teiresias. Er berichtet, dass die Götter erzürnt seien, die Opfergaben nicht mehr annähmen und mit Konsequenzen zu rechnen sei. Der Grund sei, dass Tiere die Leichenteile von Polyneikes (Antigones Bruder) verschleppt und auf den Altaren verteilt hätten. Es kommt zu einer Diskussion, in der sich Kreon schließlich umstimmen lässt. Er zieht los, um Antigone aus der Gruft zu befreien und im Polyneikes zu beerdigen.
Der Leser/Zuschauer will durchatmen, denn er glaubt, die Sache gehe noch gut aus.

5.      Die Katastrophe
    Ein Bote sucht Kreons Frau auf und berichtet, Kreon habe zuerst Polyneikes beerdigt und sei dann zu Antigones Gruft geschritten. Antigone habe sich in der Zwischenzeit erhängt, weshalb Haimon (Kreons Sohn) sich das Leben genommen habe. Schließlich bringt sich Kreons Frau auch noch um. Ende.
[Falls mein Gedächtnis mich irgendwo im Stich gelassen haben sollte, so bitte ich um Hinweise]

An dieser beispielhaften Darstellung habe ich den von Aristoteles empfohlenen Aufbau gezeigt. Ich denke, er bietet sich an, um die Handlung zu strukturieren. Die Katastrophe kann natürlich auch mit einem Happy End ersetzt werden. Antigone ist schließlich ein Drama, also ist der Name Programm.
Bei einem Liebesroman könnte der Ablauf zum Beispiel so aussehen:
1.      Exposition: Die hübsche (oder weniger hübsche) Dings hat einen guten (oder schlechten) Job. Was ihr fehlt, ist die große Liebe. Leider hatte sie bisher Pech, denn ihr Ex hat sie betrogen oder ist gestorben oder sie hatte noch nie eine Beziehung und wartet auf den Richtigen. Dann taucht der attraktive Er auf.

2.      Steigerung: Dings und Er kommen sich näher. Bei einem Ereignis wie einem gemeinsamen Essen sowie einem anschließeden Spaziergang, bei dem Er die Dings nach Hause bringt und sie an der Türschwelle küssen. Dings beginnt zu glauben, dass hinter der dicken Schale des Mannes ein weicher Kern steckt und sie die einzige Frau ist, die ihn von seinem Jungesellendasein „erlösen“ kann.

3.      Peripherie: Die Ex von Ihm taucht auf und will ihn zurück oder Dings wird durch eine Intrige in die Irre geführt. Nun glaubt sie, dass Er sie nur benutzt hat. Oder Er hat eine nicht ganz saubere Vergangenheit. Jedenfalls kommt es zu einem großen Konflikt, die die beiden auseinander bringt.

4.      Retardierendes Moment: Dings zweifelt, greift zum Telefon und will Ihm noch eine Chance geben oder sie begegnen sich irgendwo durch Zufall oder die Freundinnen von Dings wollen unbedingt klären, was passiert ist und recherchieren. Dabei stellt sich heraus, dass Er ja doch ein netter Kerl ist. Doch wird Dings sich vom neuen Input überzeugen lassen? Die Hoffnung auf ein Happy End erwacht, doch am Ende kann die Geschichte verschiedene Richtungen einschlagen

5.      Auflösung/Katastrophe/Happy End: Was auch immer du haben willst. Dings eilt zu Ihm, doch er wird vor ihren Augen vor einem Bus umgefahren oder Dings erfährt die Wahrheit, doch glaubt, trotzdem, mit der Vergangenheit von Ihm nicht leben zu können oder sie klären alles und heiraten. Ende.

Klingt mein hypothetischer Entwurf bescheuert?
Na dann guck dir ein paar Schnulzen an und du wirst merken, dass die meisten Filme nach diesem Prinzip aufgebaut sind. Wieso? Weil es funktioniert und man nicht das Rad neu erfinden muss, solange sich die Kinokarten gut verkaufen.  Aristoteles wird mit seiner Spannungskurve sicherlich noch lange in Mode bleiben und der Herr ist ein paar Jahrhunderte älter als Jesus.
Ich persönlich habe gemerkt, dass ich mich intuitiv nach dieser Spannungskurve richte, vermutlich weil mein innerer Sensor sagt: „Ok, jetzt muss die Handlung eskalieren. Hm, also jetzt wäre der richtige Punkt für ein retardierendes Moment, in dem man nicht erkennt, in welche Richtung die Handlung geht“ etc. Mit Bestimmtheit kann ich sagen, dass ich so nicht denke, aber mein innerer Sensor erkennt die Momente, in denen die Spannung beginnt abzufallen und es Zeit für neue Entwicklungen gibt.
Es gibt auch Thriller, die ein extrem schnelles Tempo haben. Dort geschieht sehr viel und der Leser wird die ganze Zeit bei Laune gehalten. Der Adrenalinpegel sinkt dabei im Idealfall nicht. Doch selbst dort wird man vereinzelte Peripherien merken, die kurz abfallen. Trotzdem würde ich diese Spannungskurve bei Thrillern, eher auslassen. Nervenkitzen und Tempo, Tempo, Tempo sind doch die treibende Kraft.

Noch eine wichige Anmerkung zu der Aristotelischen Spannungskurve sei angebracht: In Aristotelischen Dramen sind die Figuren „Typen“. Ein Typus ist eine Figur, die feststehende Eigenschaften hat, die sich nicht ändern. Es findet also keine Entwicklung der Persönlichkeiten statt. Schreibt man einen Roman, so wird man wahrscheinlich Persönlichkeitsentwicklungen anbringen wollen. Dabei wird sich ein Spannungsabfall jedoch kaum umgehen lassen. Alles, was man umsetzt, geht auf Kosten von etwas anderem. Wer einen Thriller schreibt, dessen Handlung um 8 Uhr des Morgens beginnt und um Mitternacht des gleichen Tages endet, wird eine ausschweifende Persönlichkeitsentwicklung nicht einbauen können. 
Man kann Persönlichkeitsentwicklungen aber auch mit der Spannungskurve verbinden. Es sollte möglich sein, in einem retardierenden Moment, eine Figur an einen Meilenstein ihrer möglichen Entwicklung zu stellen, an der sich der Leser fragen wird, ob diese Figur nun neue Handlungsweisen aufnimmt oder bei den alten Handlungsweisen bleibt. Somit wäre weniger das auslösende Ereignis das retardierende Moment, sondern eher die Handlung der Figur. 

Ich hoffe, dass diese Zeilen hilfreich waren und jetzt - frohes und erfolgreiches Schreiben. Ich habe noch mindestens vier Bände vr mir :) !

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