Leseprobe #2



Hallo meine Lieben,
diese Passage dient der Einführung in die Ausgangssituation von Hanna und zeigt die Kontrastmethode auf :) Das ganze Buch geht selbstverständlich nicht so weiter, aber jede Geschichte bedarf einer Einführung ;)





„Guten Morgen“, hörte sie hinter ihrem Rücken. Es war eine fröhliche, hohe Stimme, die sie jeden Morgen zusammenfahren ließ, denn sie sprühte nur so von Optimismus.
Hanna murmelte ein unkenntliches „Morgen“, ohne sich umzudrehen, bis ihr Kaffee fertig war. Der Prozess des Kaffeeflusses in die Tasse war für sie interessanter als die Gesprächspartnerin. Nachdem die Kaffeemaschine endlich ihr Werk getan hatte, hatte Hanna bereits verdrängt, dass sie nicht alleine in der Küche war. Sonst wäre sie sofort geflohen.
Stattdessen setzte sich Hanna an den Tisch, wo sie Sonja sich gegenüber vorfand. Sonja war in ihrem Haus als Kindermädchen von Hannas kleinem Bruder, Jonathan, tätig. Sie arbeitete erst seit etwa sechs Monaten hier. Als die viele Jahre in Hannas Haus tätig gewesene Putzkraft verstorben war, übernahm Sonja auch ihre Funktionen. Sonja war eine durchschnittlich große Frau überdurchschnittlich breiten Körperbaus. Ihre Haare waren leicht gelockt und hatten einen hellen, natürlichen Rotton, ihr hübsches, symmetrisches Gesicht war leicht überzogen mit Sommersprossen und wurde von Hamsterbäckchen eingerahmt. Trotz oder gerade wegen ihres Körperbaus wirkte sie sehr weiblich. Wenn sich Hanna eine typische Hausfrau und Mutter ausmalen müsste, dann wäre Sonja die optimale Vorlage. Mit ihren 30 Jahren war sie voller übereifriger Bereitschaft für eine Familiengründung und zu naiv, um in einer Gesellschaft zu überleben, die Hanna ihrerseits als grausam einstufte.
Hanna wusste auch, dass Sonja mit Andreas, ihrem Stiefvater, schlief. Das war nicht zu übersehen und erst recht nicht zu überhören, aber Sonja war in ihrer Gedankenwelt zu romantisch veranlagt, um ihn auszunutzen oder zu verletzten, sodass von ihr keine Gefahr für seine sensible Gefühlswelt ausging. Aus diesem Grunde schwieg Hanna über ihr Wissen, denn solange niemand Nachteile von jener Affäre davontrug, war ihr diese Angelegenheit absolut gleichgültig, obwohl sie wusste, dass ihr einst Andeutungen herausrutschen würden, wenn nicht sogar eine umschweifende Stellungnahme zu interspezifischer Paarung, die nun wirklich niemand hören sollte.
Hanna schlürfte von ihrem Kaffee, ohne Sonja anzusehen. Sonst hätte sie bemerkt, dass etwas anders war als sonst.
Sonja zögerte eine Weile und fuhr dann auf gut Glück fort: „Ich wollte mit dir reden.“
Hanna verdrehte gedanklich die Augen, schaltete ihr Gehör ab und versuchte in eine Traumwelt zu fliehen oder sich unsichtbar zu machen. Es wollte nicht klappen.
„Hanna, ich will mit dir reden“, wiederholte Sonja mit Nachdruck den Versuch der gedanklichen Flucht erkennend, und Hanna bemerkte, dass Sonja etwas auf dem Herzen lag. Nur war es der ungeeignetste Zeitpunkt für einen verbalen Austausch, wenn Hanna nicht ganz wach war und zu allem Überfluss verkatert, aber Sonja war nicht feinfühlig genug, um das zu erkennen. Hanna war außergewöhnlich schlecht gelaunt und das verhieß nichts Gutes. Etwas war stets in Hanna vorhanden, das sie dazu veranlasste, Sonjas Weltbild zu beleidigen, ihre Gefühle zu verletzen, aber heute war es besonders stark.
„Wenn es nicht um Leben und Tod geht, dann nicht jetzt“, erwiderte Hanna. Sie hoffte, Sonja würde später Andreas mit ihrem Anliegen belästigen, sodass es Hanna gänzlich erspart bleiben würde. „Rede doch einfach mit Andreas darüber“, fügte sie hinzu.
„Aber Hanna, es geht um Andreas und ich muss mit dir darüber sprechen“, stammelte Sonja.
Hanna erkannte sofort, was Sonja sagen wollte und fauchte, sich aufgrund von Sonjas Aufdringlichkeit vergessend: „Ja, ich weiß, dass du eine Affäre mit Andreas hast.“ Die Versuchung, das Wort „Affäre“ in Zusammenhang mit Sonja zu benutzen, war zu groß. Hanna war davon überzeugt, dass Sonja das Wort „Affäre“ mit dem Wort „Schlampe“ assoziieren und dieses zu „Hure“ weiterdenken würde. Etwas Verletzenderes hätte Hanna kaum äußern können und ein Teil von ihr genoss diese Macht, das schwächere Individuum zu quälen. Sonja schwieg erstaunt und beschämt. Hanna sah Sonja nicht an, das brauchte sie nicht, um Sonjas Gesichtsausdruck einzuschätzen. Sonja hingegen wagte nur einige kurze, verstohlene Blicke in Hannas Richtung, nicht um Blickkontakt herzustellen, sondern um in Erfahrung zu bringen, was Hanna fühlte oder dachte, aber Hanna dachte und fühlte gar nichts. Dennoch wollte sie ihre Aussage verdeutlichen, also fügte sie ruhig hinzu: „Ich weiß, dass ihr miteinander fickt und es ist mir egal.“
Auch diese Aussage musste Sonja verletzen, weil Sonja eine Familie wollte, weil sie wollte, dass Hanna Teil dessen würde, wie Hanna wusste, aber Hanna wollte nicht Teil dieser romantischen Inszenierung sein. Sonja mit ihrer Naivität und Emotionalität widerte sie an.
Sonja stand auf und ging in der Küche auf und ab, sammelte sich, fügte ihre Gedanken zusammen, verkettete sie zu Sätzen und brachte endlich aus sich heraus: „Ich bin schwanger.“ Ihre Stimme zitterte, sie begann zu schluchzen. Hanna sah unwillkürlich zu ihr hoch.
„Glückwunsch“, brachte sie verwirrt hervor. Ihre Äußerung hatte einen sarkastischen Unterton, obwohl sie nicht sarkastisch gemeint war. Dabei handelte es sich um eine reflexartige, anerzogene, aber nicht ganz verinnerlichte Reaktion. Hanna wusste nicht, wie sie es meinte, weil der Gedanke noch nicht zu ihrem Bewusstsein vorgedrungen war.
Sonja setzte erneut an: „Ich bin schwanger, ich liebe Andreas. Verstehst du eigentlich, was das bedeutet? Was das für uns bedeutet?“
Hanna nickte und sagte mit fester Stimme: „Für uns bedeutet das nichts, aber für dich bedeutet das, dass du endlich deine perfekte Familie gründen kannst.“ Diesmal war der sarkastische Klang bewusst gewählt.
„Du glaubst, ich will ihn ausnutzen, wie es deine Mutter getan hat? Hasst du mich? Bist du eifersüchtig? Hast du Angst, deinen Vater zu verlieren?“
In Hanna stieg Wut auf, denn die Unterstellung jener Gefühle beleidigte sie. Hanna war wie ein Pulverfass, das oftmals zu explodieren drohte und Sonja gelang es häufig unbewusst, gefährliche Schalter umzulegen.
Hanna führte aus: „Nein, Sonja, ich glaube nicht, dass du ihn ausnutzen willst. Dafür wärst du geistig zu beschränkt oder mit deinem Vokabular ausgedrückt: zu dumm. Du bist nicht dazu in der Lage, einen Mann auszunutzen oder mit deinen Reizen zu überlisten, weil du keine Reize hast und darum denke ich, Andreas ist bei dir in guten Händen. Aus dir wird eine gute Mutter und eine gute Ehefrau. Ich hasse dich nicht und sehe dich nicht als Konkurrenz. Ich halte dich nur für minderwertig, aber es ist ein Fehler, viel auf meine Meinung zu geben.“

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