Wieso werden wir zu Autoren?


Diese Frage sehe ich in den meisten Interviews mit Buchautoren.



Meine instinktive Antwort hätte gelautet: „Weil ich es kann.“ Ich fühle mich dazu in der Lage, eine umfangreiche, komplexe Geschichte mit interessanten und richtig „kaputten“ Figuren zu konstruieren. Und natürlich macht es Spaß - der Prozess des Schreibens, das Erschaffen von etwas...
Das wäre wahr, doch nur ein Teil der Wahrheit.



Als ich begann zu schreiben, stellte ich es mir ganz toll vor, interviewt zu werden: Es käme eine Person zu mir, die mir interessiert zuhören würde, die meine Wenigkeit spannend fände. Ein Interview schien wie eine Anerkennung von Leistungen.

Nachdem ich aber einige Interviews gelesen habe, fand ich Interviews nicht mehr so spannend, denn fast jede Frage ließe sich sicherlich viel umfangreicher beantworten als die paar Sätze, die man oft liest.



Die Antworten, die ich auf die Frage „Wieso schreiben Sie Bücher?“ las, wirkten auf mich abgedroschen und unvollständig.

Dann aber habe ich mich bei Instagram umgesehen und fand mehrere Autorinnen, die angaben zu schreiben, um ihre Krankheiten zu überwinden, zu überbrücken, die etwas schrieben von „Krankheit als Chance“. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Nicht einmal über das Schreiben selbst, sondern über den Zeitpunkt, in dem ein 08/15-Mensch plötzlich auf die Idee kommt, ein Buch zu verfassen oder ein geschriebenes Buch, das lange in der Schreibtischschublade liegt, zu veröffentlichen. 




Wieso veröffentliche ich ausgerechnet jetzt?



Mein Buch wartet so lange auf meinem Laptop und mehreren Sticks, um veröffentlich zu werden und ich habe bis heute damit gewartet, bzw. bin erst vor einer Woche aktiv dafür tätig geworden. Der konkrete Entschluss hatte einige Auslöser: Viele stressige Wochen voller Arbeit und Uni. Dazu erkannte ich, dass von jeder Seite jeder etwas von mir wollte. Die einen wollten mir was erzählen, die anderen wollten, dass ich Kinder bekomme, weil ich ja schon uralte, verschrumpelte Mitte 20 bin , noch andere wollten, dass man ihnen bei etwas hilft.

Alle zogen und zerrten an mir, ohne dass ich schon wegen der Uni und Arbeit kaum nur eine Stunde täglich für mich habe. Es gab Tage, an denen ich meinen eigenen Namen nicht mehr hören konnte.


Ich bin ausgeflippt.

So richtig ausgeflippt und beschloss: "NEIN! Damit ist jetzt Schluss. Ich bin nicht Mutter Theresa und ich bin nicht für eure Bedürfnisse verantwortlich, besser noch: Ich bin nicht dafür verantwortlich, mir eure Bedürfnisse anzuhören. Kümmert euch doch selbst um euren Mist. Nö. Schreibt Tagebuch, textet Leute zu, die sich dafür interessieren und lasst mich alle gefälligst in Ruhe."



Das kam so plötzlich, dass ich selbst davon überwältigt war.

In meinem Leben geht es vorrangig um mich, nicht um andere, auch wenn ich meine Freunde alle trotzdem sehr gern habe. Natürlich bin ich immer noch für mein Umfend da, wenn etwas ist, aber auch wirklich nur, wenn etwas ist. Man darf auch mal egoistisch sein. Das haben andere einem auch zu gönnen.
Mein Buch zu schreiben, mein Buch zu vollenden, endlich mal im Leben etwas richtig zu Ende zu führen, ist meine Katharsis.



Als ich von Personen las, die erst durch Krankheit dazu kamen, ihre Bücher zu veröffentlichen, fühlte ich mich in meinem Vorhaben bestätigt. Ich will nicht erst totkrank werden, um das, was ich schon so lange plane, umzusetzen, weil ich so viel zu tun habe. Ich will nicht auf eine "Krankheit als Chance" warten. Die Chance ist jetzt, sie war in jedem vergangenen Jetzt da.

Eines meiner Lieblingslieder besagt: „Erst den Tod erblickend, kann man lernen zu leben“ (frei aus dem Russischen übersetzt). Ich denke, das ist Unsinn, zumindest auf diese Weise formuliert. Der Tod kann uns zeigen, was das Wesentliche im Leben ist. Als Weckruf.  Dafür muss man aber nicht eine Nahtoderfahrung machen, jemanden verlieren oder selbst krank werden. Wenn ich höre, dass jemand gestorben ist, frage ich mich, wie es wäre, wenn ich unerwartet sterben würde. Gut, wenn ich tot wäre, wäre es mir natürlich egal, denn dann bekäme ich es ja nichts mehr mit, aber mir blutet wahrhaftig das Herz, wenn ich mir vorstelle zu sterben, während Verfall auf meiner Festplatte vergammelt, während mein Laptop nach einer Festplattenbereinigung auf den Sperrmüll kommt und Verfall ins Nichts verschwindet ohne ein gedrucktes Wort. Das hat ein Werk, an dem ich so lange gearbeitet habe, nicht verdient.



Man braucht also nicht darauf warten, dass der Tod an die Tür klopft, um zu tun, was man will.

Ich rufe euch alle dazu auf, bitte, nehmt eure Ziele in Angriff, bevor der Tod seine Klauen nach euch ausstreckt, denn sterben werden wir alle. Es wäre doch so furchtbar schade im Sterbebett zu liegen und sich zu ärgern. Wenn ich Verfall, all seine Teile, veröffentliche, kann ich auf jeden Fall ein Stück weit eher in Ruhe sterben.



Aber wie kam ich eigentlich zum Schreiben?

Auch das hatte etwas mit einer Krankheit zu tun.

Ich war nie körperlich auf eine gefährliche Weise krank. Aber als ich mein Abitur abschloss, wollte ich mein Zeugnis am liebsten direkt nach der Abschlussfeier verbrennen, weil es mir so gleichgültig war. Ich fühlte mich nicht dazu bereit zu studieren oder zu arbeiten und habe nach dem Abitur ein ganzes Jahr nichts "Richtiges" gemacht, sondern geschrieben. In dieser Zeit entstand der Großteil von Verfall. Nein, ich führte nicht so ein Leben wie Hanna es im Verfall tut. Aber auch ich hatte jemanden verloren und fühlte mich entsprechend. Das wirklich Verrückte ist nur, dass ich den Teil mit dem Verlust etc. geschrieben habe, bevor ich selbst wusste, was ein Verlust bedeutet. Manchmal passieren mir Dinge und ich staune darüber, dass ich sie vorher geschrieben habe. Total irre irgendwie, aber das wäre ein anderes Thema.



Zu schreiben war mein Versuch der Verarbeitung meines Verlustes, nicht der Selbstheilung wegen. Es war meine Art, mich mit diesem Thema zu befassen, mich mitzuteilen, es aus anderen Perspektiven zu betrachten. Wenn ich Jahre später darauf zurückblicke, dann war es eine sehr intensive und abgestumpfte Zeit zugleich. Ich schrieb in einer der schwersten Zeiten meines Lebens, weil ich wusste, dass man vieles nicht  auskurieren, sondern nur aussitzen kann, um sich daran zu gewöhnen, damit zu leben.



Deshalb ja, manch einer schreibt, wenn er „krank“ ist, auch, um diese Krankheit zu verarbeiten. Ich maße es mir wirklich nicht an, mich mit Menschen gleichzusetzen, die mit einer tödlichen Krankheit zu kämpfen haben!

Aber auch Trauer ist eine Form von Krankheit, Hass ist eine Form von Krankheit. Das, was wir fühlen, ohne zu wissen, wohin damit, stopfen wir in unsere Bücher. Wir schmücken es aus mit Details und lassen an anderen Stellen etwas weg; wir lassen es unsere Figuren erleben, was wir zu gut kennen, lassen sie unsere Fehler wiederholen oder besser lösen als wir es selbst taten, als es darauf ankam.



Wir schreiben nicht unsere eigenen Geschichten, aber wir wissen genau, dass ein Kern unserer Krankheiten in unseren Werken steckt.

Kleiner Hinweis am Ende: Nein, ich habe nicht das erlebt, was meine Figuren in Verfall erleben! Gefühlt 95% sind frei erfunden, davon sind 90% inspiriert durch andere Quellen wie Foren, Filme usw. Das betone ich unermüdlich, weil ich mit diesem Vorwurf öfter konfrontiert wurde als mir lieb ist! :) Ach würde ich doch bloß Fantasy schreiben, wo Feen in ein paralleles Universum entführt werden -.-°


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